Interview mit Jörg Biedinger



Dipl.-Ing. (FH) Jörg Biedinger Produktmanager Fahrerlaubnis- wesen des TÜV NORD

Die Führerscheinprüfung – daran kann sich wohl ein jeder von uns noch erinnern. Dazu gehören ganz einfach: schlaflose Nächte vorher, unbändige Freude hinterher. Schließlich gilt die bestandene Prüfung als Eintrittskarte ins Erwachsenenleben.

Dementsprechend groß ist auch die Nervosität bei Bewerbern. Neben ihnen ist aber auch der Prüfer oder die Prüferin eine ganz wichtige „Person des Tages“. Jede einzelne Prüfung ist neu und anders. Sie ist vielfältigen Emotionen ausgesetzt: vor und auch nach der Prüfung. Im Gespräch mit mobilitaet.de berichtet Jörg Biedinger aus seiner Prüf-Praxis:




Mobilitaet: Herr Biedinger, die Führerscheinprüfung ist immer mit großen Emotionen verbunden. Warum eigentlich?

Jörg Biedinger: Für viele, insbesondere für Jugendliche, ist die Führerscheinprüfung die erste Prüfung überhaupt in ihrem Leben, noch vor dem Abitur. Sie hat dementsprechend einen hohen Stellenwert.

Mobilitaet: … und so kommt es, dass ein Gedanke pausenlos durch den Kopf kreist:  „Bloß nicht durchfallen.“ Die damit verbundenen Emotionen kommen sicherlich recht ungebremst bei Ihnen an. Wie gehen Sie damit um?

Jörg Biedinger: Ich versuche Transparenz für die Bewerber zu schaffen, offen zu sein und zu vermitteln, dass wir ein Team im Fahrzeug sind und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Das entspannt in den meisten Fällen die Situation und gibt den Bewerbern ein gutes Gefühl.

Mobilitaet: Man kann sich vorstellen, dass das nicht immer leicht ist. Wie unterstützten Sie die Bewerber, diese Nervosität abzulegen?

Jörg Biedinger:  Ich schaffe eine angenehme, lockere und ruhige Prüfatmosphäre und gestalte die Prüfung nach dem pädagogischen Prinzip vom Leichten zum Schweren. Die Bewerber dürfen natürlich auch nachfragen, wenn sie eine Anweisung nicht verstehen. Meistens legt sich dann relativ schnell die starke Nervosität und übrig bleibt eine eher leistungs- und konzentrationsfördernde Anspannung. Weil sie das Gefühl haben, dass Fahrlehrer und auch Prüfer möchten, dass sie die Prüfung bestehen!

Mobilitaet: Das heißt, eigentlich braucht niemand Angst vor der Führerscheinprüfung zu haben, oder?

Jörg Biedinger: Richtig! Wenn die Bewerber gut ausgebildet sind, können sie guten Gewissens und mit der nötigen Portion Selbstbewusstsein in die Prüfung gehen.

Mobilitaet: Wie viele Prüfungen haben Sie denn bereits abgenommen?

Jörg Biedinger: Etwa 30.000 Prüfungen.

Mobilitaet: Und wie fühlen Sie  sich, wenn Sie über „Bestanden“ oder „Nichtbestanden“ entscheiden müssen?

Jörg Biedinger: Ich freue mich mit, wenn Bewerber bestehen. Es ist nicht nur für die Bewerber und Fahrlehrer sondern auch für Prüfer ein sehr positives Gefühl, wenn sich die Angespanntheit am Ende der Prüfung löst und sich Freude über das erreichte Ziel einstellt.

Mobilitaet: Welches sind denn die häufigsten Gründe, warum ein Prüfling durchfällt?

Jörg Biedinger: Meistens eine mangelhafte Beachtung der Verkehrszeichen und Verkehrsregelungen, z.B. der Vorfahrt. Oft ist es aber auch einfach der Stress, der allein schon durch die Tatsache, dass es sich um eine Prüfung handelt ausgelöst wurde. Viele Bewerber haben große Sorge, dass Ihre Erfahrungen oder die Fahrpraxis nicht ausreichen.

Mobilitaet: Und welches sind die Hauptgründe für die von Ihnen geschilderte große Nervosität der Bewerber?

Jörg Biedinger: Dass die Bewerber die tatsächlich in der Prüfung auf sie zukommenden Verkehrssituationen nicht alle schon einmal erlebt haben und ja auch die Strecke nicht kennen, die in der Prüfung gefahren wird macht die Bewerber im Vorfeld meist schon nervös. Auch wenn man bestimmte Routen noch so oft mit dem Fahrlehrer abgefahren ist – am Tag der Prüfung kann ein Krankenwagen vorbei kommen oder der Müllwagen blockiert die Straße. Es können also Situationen entstehen, die nicht vorhersehbar sind.

Mobilitaet: Die Statistik des Kraftfahrzeugbundesamtes macht deutlich, dass in Hamburg die meisten Bewerber durchfallen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Jörg Biedinger: Das hängt von vielen Randbedingungen ab. Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass die sog. Bestehensquoten nichts über die Qualität einer Fahrausbildung aussagen. Es ist sicherlich schwieriger, in einer Stadt wie Hamburg die praktische Prüfung abzulegen als in einem eher ländlich geprägten Ort. Die Verkehrsdichte ist ebenso höher wie die Anzahl schwierigerer Verkehrssituationen, die die Bewerber zu bewältigen haben. Der Großstadtverkehr ist deutlich anspruchsvoller. Dies drückt sich dann meistens in der Anzahl der erforderlichen Ausbildungsstunden aus.

Mobilitaet: Was sagen Sie ihren  Bewerbern – und denen, die es vielleicht noch werden?

Jörg Biedinger:  Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Gehen Sie ruhig mit einer gewissen Portion Selbstbewusstsein in die Prüfung. Sie können es und sind gut vorbereitet! Auch schwierige Situationen können gemeistert werden. Man darf auch Fehler machen und besonders gute Leistungen gleichen Fehler wieder aus. Das Wichtigste ist, dass Sie wissen, dass der Prüfer oder die Prüferin auf der Rückbank will, dass Sie die Prüfung bestehen und am Ende der Prüfung einem strahlenden Bewerber oder einer strahlenden Bewerberin den neuen Führerschein überreicht werden kann.