Unterwegs im Namen des Herrn



Margot Käßmann im Talk bei mobilitaet.de

Sie ist unterwegs im Namen des Herrn: die evangelische Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann. Sie sagt: „Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind“ – und meint damit eigentlich: fahren. Denn wie sollte sie auch sonst ihr Amt an der Spitze der bundesweit größten evangelisch-lutherischen Landeskirche mit 3,3 Millionen Mitgliedern ausüben können? Zigtausende Kilometer ist sie pro Jahr im Fond ihres Dienstwagens unterwegs. Im Auto fühlt sie sich wohl: Dort kommt sie zur Ruhe und verarbeitet die vielen, oft sehr emotionalen Begegnungen, die der Beruf mit sich bringt. 

Die spritzig-charmante Landesbischöfin gibt im Interview gern Auskunft über ihre Gefühle im Straßenverkehr, richtet einen Appell an die deutsche Autoindustrie und gewährt einen humorvollen Blick in ihr Handschuhfach.

Mobilitaet:
Wenn es um´s Thema „Frauen und Auto“ geht, sind die Vorurteile nicht weit. Was sagen Sie zu der These: „Frauen und Autos passen einfach nicht zusammen“?
 
Margot Käßmann:
Na ja, ich denke, Frauen gehen einfach ganz anders mit Autos um: Es muss fahren und gut ist, egal wie viel PS! Es muss seinen Zweck erfüllen. Der Mann weiß immer, wie viel PS sein Fahrzeug hat – ich weiß das nie und es ist für mich auch völlig sekundär. Mal vorab: ich habe ja einen Dienstwagen und einen Privatwagen.
Beim Dienstwagen kommt es mir mehr darauf an, dass man hinten bequem sitzen und dass mein Fahrer zügig Tempo machen kann. Und beim Privatwagen ist mir wichtig, dass der Hund hinten Platz hat, dass die Getränkekisten gut reinpassen und ich überall schnell einparken kann, dass das Auto klein und wendig ist. Das sind also durchaus unterschiedliche Anforderungen. Aber wie viel PS so ein Fahrzeug hat - das ist mir relativ egal.

Verschiedene Anlässe, verschiedene Autos … Über welche Fahrzeuge reden wir?  

Im dienstlichen Bereich ist es ein 5er-BMW, eine Zeitlang war es auch ein 7er. Aber ich fand, das muss nicht sein, ich habe ja so kurze Beine (lacht). Wobei ich es beim 7er schöner fand, dass man hinten den Sitz verstellen konnte. Aber da die Kirche auch sparen muss, habe ich gesagt: o.k. Obwohl sich die Leasing-Raten nicht wirklich voneinander unterscheiden …  BMW gibt sehr günstige Leasingraten für Bischofsautos. Privat fahre ich den Modus.
Übrigens: mein Vater war Kfz-Schlosser.

Ach, da haben Sie ja einen ganz besonderen Draht zu Autos!

Ja, ich musste mit zwölf schon auf dem Autohof rangieren, ich kann also einparken … Mein Vater hatte erst eine Ford-Werkstatt und ist dann später zu Renault gewechselt, als Renault auf den Markt kam. Ganz ungewöhnlich damals, die französischen Autos. Wir kriegten als Jugendliche alle so einen ollen R4, mit Knüppelschaltung. 

… mit was?

Mit der so genannten Revolverschaltung. Ich weiß noch: meiner ist dann später durchgerostet, auf einmal saß ich auf dem Fußboden. Tja, es ging also los, als wir 18 waren und ist bei mir auch länger noch so geblieben - ich habe immer Renaults gefahren, bis jetzt eigentlich.
Zwischendurch, als alle vier Kinder noch zu Hause waren, hatten wir mal einen Chrysler Voyager Grand, das war ein Riesen-Auto. Aber da drei Kinder nun schon aus dem Haus sind, ist es jetzt nur noch dieser kleine Modus.

Wenn Ihr Vater diesen Beruf hatte, haben Sie dann auch viel von Technik mitbekommen? 

Ja, schon. Schrauben ging ganz gut, heute allerdings nicht mehr. Aber ich kann Reifen wechseln und mit einer Strumpfhose den Keilriemen ersetzen. Das habe ich zwar viele Jahre nicht gemacht, es wäre aber kein Problem (lacht). Reifen wechseln geht immer. Für meinen Vater war es eine Ehre, dass seine Kinder das konnten. 

Welche Farbe hatte der R4?

Grau. Ein ganz furchtbares Grau. Mein Vater hat gesagt: „Hier nimm den“, weil er übrig war.  Die letzten Schrottwagen, die er nicht mehr loswurde, die kriegten die Töchter.

Es gibt Menschen, die haben eine besondere, fast emotionale Beziehung zu ihrem Auto. Insbesondere dann, wenn sie gerade den Führerschein gemacht haben. Hatten Sie das auch?

Wir hatten permanent wechselnde Autos, einfach weil so viele da waren. Die Familie hat immer das Auto genommen, das gerade auf dem Hof übrig war. Das Auto war also immer ein Gebrauchsgegenstand. Aber das erste Auto – ich glaube schon, dass das etwas Besonderes ist. Dieser olle graue, halb verrostete R4… das war schon ein tolles Gefühl, im Auto zu fahren und zu sagen: „Hey, das ist meins!“ Aber es war grottenhässlich…nicht unbedingt so zum lieb haben.

Haben Sie damit auch weitere Touren unternommen?

Oh ja, ich habe in Tübingen studiert. Das waren immer sehr wacklige Fahrten da runter. Eine schier endlose Strecke, die ich in einem Tempo zurückgelegt habe, das mit den heutigen Geschwindigkeiten nicht wirklich vergleichbar ist.

Wann haben Sie Ihren Führerschein gemacht?

1976. Bei der ersten Prüfung bin ich durchgefallen, weil der Prüfer gesagt hat, ich würde ihm zu flott fahren. Das fand ich total gemein (lacht). Die Theorie habe ich geschafft, aber bei der ersten praktischen bin ich durchgeflogen. „Das ist mir zu flott, junge Frau“, hat er gesagt.

Würden Sie das heute auch noch von sich sagen: „Ich bin flott unterwegs“?

Also ich rase nicht. Rasen finde ich unerträglich. Aber bei Leuten, die auf eine grüne Ampel langsam zufahren und dabei auch noch langsamer werden, da werde ich ungeduldig. Ich fahre schon gern zügig.

Man ist ja auch unterwegs, um unterwegs zu sein und nicht, um stehen zu bleiben.

Ich möchte von A nach B kommen und nicht mein Auto spazieren fahren. Das bin ich nicht.   Für mich ist das Auto reines Mittel zum Zweck.

Wohl auch dann, wenn Sie gefahren werden? 

Einen ständigen, persönlichen Fahrer zu haben, das habe ich aufgegeben. In Hannover fahre ich Fahrrad. Wenn ich den Fahrer brauche, ist er für mich da. Und das ist – gerade in Niedersachsen, muss man leider sagen - sehr wichtig. Die Verbindungen auf den ICE-Strecken sind zwar super, aber wenn Sie nach Marienhafen müssen, um dort morgens um 10 Uhr auf der Kanzel zu stehen…da kommen Sie am Sonntagmorgen einfach nicht hin. Ich müsste übernachten und das möchte ich nicht immer. Mein Fahrer und ich, wir haben uns aneinander gewöhnt. Er fährt wirklich gut, zuverlässig und zügig, macht auch Fahrertrainings mit. Das ist mir wichtig, weil ich schon ein wenig entspannen möchte, wenn wir gemeinsam durch das Land fahren. Ich sitze übrigens auch hinten, weil ich mich nicht einmischen möchte... Im Auto kann ich meinen Laptop mitnehmen, ich kann telefonieren, schreiben oder lesen. Da finde ich es wichtig, Vertrauen zu dem zu haben, der mich fährt.

Und privat?
 
Ich würde niemals Auto fahren, nur weil ich einfach Auto fahren möchte.

Dementsprechend hätten Sie auch nicht den Wunsch, ein besonderes Auto zu fahren?

Zwei Versuchungen hätte ich da schon: zum einen hätte ich furchtbar gern einen Lexus. Das darf ich gar nicht offen sagen. Aber ich finde die Hybrid-Geschichte so immens wichtig für den Klimaschutz, die Umweltfrage liegt mir sehr am Herzen. Und ich frage mich, warum die deutschen Autohersteller das nicht endlich hinbekommen. Ich fahre zwar ein in Deutschland produziertes Auto wegen der Arbeitsplätze, bin aber der Meinung, die sollten sich mal auf die Socken machen. Ich würde privat gern ein 1-Liter-Auto fahren.
Das wäre also mein Wunsch: Dass es endlich mehr ökologisch verantwortbare Alternativen gibt! Die brauchen wir ja auch, die Autoindustrie in China wächst und wächst. Als ich gesagt habe, ich hätte gern einen Lexus als Dienstwagen, haben alle geschrieen: „Das geht nicht! Du kannst kein Auto aus Japan fahren.“ Das sehe ich ein. Aber dann sollen doch bitte die deutschen Hersteller mal in die Spur kommen. Warum baut Audi nicht so ein Auto? Oder VW? Das hat die deutsche Autoindustrie einfach verschlafen. Wir können das Thema Klimaschutz nicht mehr ignorieren. Und wenn dabei nicht die technologisierten Nationen die Nase vorn haben und voran schreiten, wer soll es sonst machen?

Die Lobby ist wohl zu groß…

Wie in der Tabakindustrie.

Obwohl die Autobauer bestimmt alle schon die Pläne in der Schublade haben.

Natürlich. Ich vermute, sie wollen aber nicht, dass ein Auto ein Leben lang hält. 

Sie haben vorhin einen wichtigen Punkt angesprochen, nämlich das Vertrauen. Was sagen Sie zum Stichwort „Sicherheit im Straßenverkehr“?

Wenn ich das manchmal so auf der Autobahn sehe: manche Leute fahren wirklich, als hätten sie überhaupt nicht im Blick, welche Kraft in einem Auto steckt. Schon bei Tempo 50. Also wie lebenszerstörend ein Auto wirken kann. Viele sind sich nicht bewusst, dass sie mit einer Kraft umgehen, die sie gar nicht so beherrschen können. Ich bin als Pastorin oft mit Tod, Krankheit und Behinderung konfrontiert. Da kann ich über das riskante Gedrängel auf der Autobahn immer nur noch mehr den Kopf schütteln. 

Es geht eben nicht nur um die Verantwortung für die eigene Person, sondern auch für die anderen ... 

Noch mehr Unverständnis allerdings regt sich in mir, wenn ich in Autos Kinder sehe, die  nicht angeschnallt sind. Gleiches gilt, wenn Eltern im Auto rauchen. Die Kinder müssen doch den ganzen Rauch einatmen! Es gibt zum Teil schon ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein, insbesondere wenn Alkohol oder Drogen mit im Spiel sind. Ich habe gerade gelesen, dass immer mehr Autofahrer drogenauffällig sind. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich sehe ja, was das bedeutet. Bei den zig tausend Kilometern, die ich jedes Jahr dienstlich fahre, stehe ich nicht nur viel im Stau, sondern sehe auch viele Unfälle und bekomme dementsprechend mit, wie zerfetzte Autos aussehen. 

Haben Sie denn ein Gefühl von Sicherheit, wenn Sie mit einem etwas größeren Auto unterwegs sind?

Bei einem richtigen Aufprall nützt einem das auch nichts. Bei meinem Dienstwagen ist aber auf jeden Fall das Vertrauen da, dass der Fahrer gut fährt. Das ist für mich entscheidend, weil ich mich nur dann entspannen kann. Wenn ich bei jedem Bremsen einen Schreck kriegen würde … die Zeit brauche ich eigentlich zum atmen.

Wie ist das, wenn Sie selber fahren? Und wenn Sie Beifahrerin sind?

Ich fahre gar nicht mehr so oft, weil drei meiner Töchter einen Führerschein haben. Die fahren einfach gern, der Wagen ist klein, da können sie einfach mal so mit rum fahren. Als die jeweils ihren Führerschein gemacht haben, war ich als Beifahrerin allerdings fast hysterisch.

Haben Sie sich an der Türklinke festgehalten?

Meine Töchter haben immer gerufen: „Mama, entspann Dich! Hör auf, ich kann das!“ Die ersten Fahrten waren wirklich sehr spannend (lacht). Aber sonst… ich fahre halt seit dreißg Jahren Auto, eben mit einer gewissen Routine. Und wenn sich jemand neben mir aufregen würde, würde ich rechts ran fahren und sagen: „Bitteschön. Es gibt auch Züge, Busse und Bahnen…“. 

Was haben Sie immer im Auto dabei?

Im Dienstwagen habe ich immer Socken dabei. Ich trage oft Schuhe mit höheren Absätzen, die ziehe ich im Auto aus und Socken an. Eine Bibel. Das Pfarrerverzeichnis, damit ich weiß, welcher Pfarrer wo ist, wann geboren, etc.. Für dienstliche Sachen ein Telefonverzeichnis, ein Verzeichnis der Landeskirche mit Zahlen, Daten, Fakten, einen Brieföffner, Stifte.

Und privat?

Habe ich nicht viel im Handschuhfach, weil meine Töchter das Auto auch mitbenutzen. Da ist nur das Wesentliche drin: die Papiere. Und eine Sonnenbrille, die können wir alle benutzen. Sonst? Ist glaube, da ist sonst gar nichts drin.

Nicht einmal etwas zum Naschen zwischendurch?

Nein, dann schon eher Wasser. Naschen muss ich nicht so, aber Wasser habe ich eigentlich immer dabei. Ich habe schon mal stundenlang auf der Autobahn gestanden, wenn man dann nichts zu trinken hat … das ist wirklich übel.

Gibt es denn besonders schöne oder unschöne Dinge, die Sie mit Autos erlebt haben?

Ich musste mal nach Aachen, zu einem Kongress. Auf dem Hinweg gab es eine Vollsperrung. So was kann einen wirklich verrückt machen. Vier Stunden stand ich da, glaube ich. Schrecklich. Dann war ich einmal von Leipzig Richtung Hannover unterwegs, ein Lkw hat  Betonteile verloren und schon standen wir. Das war eine wahnsinnige Geduldsprobe. Damals hatte ich noch kein Handy, das war die Zeit, als Handys relativ neu waren und ich es angeberisch fand, ein Handy zu haben. Ich hatte aber versprochen, dass ich abends zu Hause bin und die Kinder ins Bett bringe. So bin ich dann die ganze Schlange entlang gelaufen, um jemanden zu finden, der mir sein Handy leiht. Am nächsten Tag habe ich mir eins gekauft.

Noch andere Erlebnisse?

Als meine mittlere Schwester gerade 18 wurde, sind wir mal vom Urlaub zurück nach Hause gefahren und hatten einen schweren Unfall. Es waren zwei Eichhörnchen auf der Strasse, sie  hatte gerade den Führerschein, wollte ihnen ausweichen und das Auto kam ins Schleudern … klar, es war eine regennasse Strasse und sie eine junge, unerfahrene Fahrerin. Wir sind zwischen den Leitplanken am Nord-Ostsee-Kanal hin und her geschleudert und zum Glück auf dem Feld gelandet und nicht im Kanal.

Das hätte ja auch anders ausgehen können.

Ja, aber auch so war es schon schlimm genug, meine Mutter hatte zwei Halswirbel angebrochen. Es kamen sofort Leute, die geholfen haben, das fand ich großartig. Es war ein Erlebnis, das man nie vergisst. Seitdem weiß ich: ein Auto kann gefährlich sein. 

Haben Sie selbst auch schon einen Unfall verursacht?

Das nicht, aber ich habe als junge Pfarrerin viel Schlimmes erlebt. Einmal waren vier Männer nach der VW-Nachtschicht verunglückt. Ich musste zu den jungen Frauen, gemeinsam mit einem jungen Polizisten, der noch jünger war als ich. Ich war damals 26, glaube ich, und  musste den Frauen sagen: eure Männer sind tot. An diese Begebenheit denke ich oft, wenn ich Raser oder riskante Fahrer sehe. Dann denke ich: Ihr wisst gar nicht, wie verletzbar ihr seid.

Vielen Dank. Wir wünschen Ihnen weiterhin GUTE FAHRT!